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30. MÄRZ 2026, BIOÖKONOMIE

Drei Fragen an… Dr. Max Schuchardt, Koordinator Bioökonomiestrategie

Dr. Max Schuchardt arbeitet seit August 2023 in der Abteilung Klimaschutz. Er koordiniert die Bioökonomiestrategie der Landeshauptstadt Stuttgart. Ziel der Strategie ist es, weg von fossilen Rohstoffen und hin zum nachhaltigen Wirtschaften zu kommen. Die Bioökonomie setzt auf biologische Ressourcen und Verfahren und orientiert sich an natürlichen Stoffkreisläufen. 

Anfang März hat eine Delegation aus Stadt und Region Stuttgart eine innovative Pyrolyse-Anlage der Industriellen Werke Basel besichtigt. Die Teilnehmenden haben sich zeigen lassen, wie in der kommunal betriebenen Anlage aus regionalem Grünschnitt klimafreundliche Energie und vielseitig nutzbare Pflanzenkohle erzeugt wird (➤ siehe Pressemeldung). Im Nachgang haben wir mit Dr. Max Schuchardt über das Pyrolyse-Verfahren und den Einsatz von Pflanzenkohle in Stuttgart gesprochen.

1) Max, was ist überhaupt eine Pyrolyse-Anlage?
Jeder kennt Anlagen, bei denen ein Brennstoff verbrannt wird, um Strom und Wärme zu erzeugen. Da wird viel Sauerstoff angesaugt, damit die Brennstoffe möglichst vollständig verbrennen. Dadurch entweicht aber auch viel CO2

Das lässt sich verhindern: Bei der Pyrolyse wird die Sauerstoffzufuhr reduziert. So verbrennt der Brennstoff nicht vollständig. Zum Beispiel entsteht aus Holz dadurch Kohle: Man sagt dazu Holzkohle oder ganz allgemein auch Pflanzenkohle, weil auch andere Pflanzen und Biomassen unter Luftabschluss verkohlt werden können. Der Kohlenstoff wird dann dauerhaft im Material gebunden, wie bei fossiler Kohle.

2) Was sind die Potenziale einer regionalen Pyrolyse-Anlage für Stuttgart und Umgebung?

Vorneweg: Bäume agieren wie Staubsauger und ziehen Treibhausgase aus der Luft. Mit einer Pyrolyse-Anlage machen wir uns das zunutze. Pyrolyse in ist dreifacher Hinsicht sinnvoll. Erstens: Wir können aus lokal anfallenden Biomassen klimafreundliche Energie produzieren und werden weniger abhängig vom internationalen Gas- und Ölmarkt. Lokal anfallende Biomasse ist zum Beispiel Schnittgut aus Grün- und Parkanlagen der Stadt, aber auch aus Privathaushalten. Zweitens entsteht bei der Pyrolyse Pflanzenkohle, die bei Baumpflanzungen eingesetzt und Baumaterialien beigemischt werden kann. Die Pflanzenkohle speichert Nährstoffe und Wasser und durchlüftet den Boden – sie ist ein Müsliriegel für den Stadtbaum. Drittens: Pflanzenkohle speichert langfristig Kohlenstoff. Man spricht deshalb von Permanenten Kohlenstoffsenken oder Negativemissionen. Diese können einen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten.

Die Bioökonomiestrategie der Stadt Stuttgart hat die Potenziale des Pyrolyse-Verfahrens erstmals für die Stadt aufgezeigt. Nun gilt es, die lokalen Wertschöpfungspotenziale zu heben. Unsere Delegationsreise nach Basel hat jedenfalls gezeigt, dass der kommunale Betrieb einer Pyrolyse-Anlage wirtschaftlich attraktiv ist: Damit lässt sich klimafreundliche Wärme verkaufen. Die Pflanzenkohle und generierten CO2-Zertifikate bieten eine zusätzliche Einnahmequelle für die Stadt.

3) Das mit dem Müsliriegel für den Stadtbaum klingt spannend! Gibt es bereits konkrete Projekte in Stuttgart, bei denen Pflanzenkohle eingesetzt wird?

Hier gibt es Stand heute zwei Hauptarbeitsfelder. Erstens wird die Anwendung von Pflanzenkohle in Baumsubstraten weiter ausgerollt. Auf kleineren Pilotprojekten aufbauend (wie in der Seyfferstraße im Stuttgarter Westen) beginnen in den nächsten Monaten die Bauarbeiten in der Jahn-Pischeck-Straße in Stuttgart-Degerloch. Hier wird im Rahmen des Radwegenetzausbaus Deutschlands größte Baumrigole in Anlehnung an das Stockholmer Modell entstehen. Das Stockholmer Modell ist ein innovatives Verfahren zur Stadtbaumpflanzung, das gesunde, große Bäume trotz versiegelter Flächen ermöglicht. Das  „The Schwämm genannte  Leuchtturmprojekt in Degerloch schafft nicht nur einen klimagerechten Standort für Stadtbäume. Ziele sind auch, Kohlenstoff langfristig im Boden zu speichern (urbane Kohlenstoffsenken) und einen Beitrag zur Schwammstadt zu leisten.

Das zweite Arbeitsfeld ist die Entwicklung einer Beton-Rezeptur, um Pflanzenkohle als technischen Kohlenstoff in Baumaterialien zu integrieren.  Hierfür hat das Grundsatzreferat Klimaschutz, Mobilität und Wohnen eine Arbeitsgruppe initiiert, um im Rahmen der IBA27 mehrere Pilotprojekte zu starten – zusammen mit dem Tiefbauamt, der Materialprüfanstalt der Universität Stuttgart, lokalen Recyclingunternehmen und Betonherstellern. In diesem Bereich sind die Potenziale enorm, da der Bausektor einen sehr großen Teil der globalen Treibhausgas-Emissionen ausmacht und durch das riesige Bauvolumen ein entsprechend hohes Kohlenstoffsenken-Potenzial aufweist. Somit leistet auch diese Anwendung einen Beitrag zum Erreichen des städtischen Klimaziels.

 

Weitere Informationen
... zur zirkulären Bioökonomiestrategie der Stadt Stuttgart gibt es unter diesem Link.
... zum Projekt „The Schwämm sind unter diesem Link zu finden.

 

 

BILDNACHWEIS: LUDMILLA PARSYAK / LANDESHAUPTSTADT STUTTGART

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